Wie „Stille Nacht“ zum ersten Weihnachts-Hit wurde

Kaum ein Lied symbolisiert das Weihnachtsgefühl so stark wie „Stille Nacht“. Es ist
besinnlich und berührend zugleich und wird überall auf der Welt am
Weihnachtsabend gesungen. Aber wie kam es dazu, dass sich dieses Musikstück
aus einer kleinen Salzburger Gemeinde über den ganzen Globus verbreitete? Wir
begeben uns auf Spurensuche …

Eine defekte Orgel und eine Gitarre

Wir reisen zurück ins Jahr 1816 in den zu jener Zeit extrem abgeschiedenen Ort
Maria Pfarr im Lungau. Hier schrieb der erst 24-jährige Dorfpriester Joseph Mohr die
eindringlichen Zeilen eines Gedichts nieder, das er „Stille Nacht“ nannte. Zwei Jahre
später war Mohr als Hilfspfarrer in der Salzburger Gemeinde Oberndorf tätig und
wünschte sich für die musikalische Begleitung der Christmette eine Melodie zu
seinem Gedicht. Er wandte sich an den Dorfschullehrer und musikalisch talentierten
Organisten Franz Xaver Gruber mit der Bitte um eine passende Komposition. Da die
Orgel an Heiligabend 1818 defekt war, wurde das Stück lediglich mit Mohrs
Gitarrenbegleitung und Bassstimme und Grubers Tenorstimme sowie einem kleinen
Chor in der Kirche St. Nikola uraufgeführt.

Eine alte Abschrift Franz Xaver Grubers von „Stille Nacht“ und die Gitarre von Joseph Mohr. Quelle: Stille Nacht Museum in Hallein

Das Gotteshaus wurde später durch eine Überschwemmung zerstört. An seiner
Stelle steht seit 1937 die Stille-Nacht-Kapelle – ein Pilgerort für Besucher aus aller
Welt. Sogar einen originalgetreuen Nachbau gibt es seit einigen Jahren zu
bewundern. Dieser befindet sich in Bronner’s Christmas Wonderland im US-
Bundesstaat Michigan.

Der Nachbau der Stille-Nacht-Kapelle in den USA

Von Oberndorf in die ganze Welt

Der beispiellose Siegeszug des heutigen Weihnachtsklassikers ist zum Großteil
Zillertaler Chören zu verdanken. Der Orgelbauer Carl Mauracher, der damals in
Oberndorf tätig war, brachte das Musikstück schon bald nach seiner Uraufführung ins
Zillertal. Dort nahmen es die durch Europa tourenden Sängerfamilien Rainer und
Strasser in ihr Repertoire auf und trugen die Weihnachtshymne bereits in den
1820er-Jahren weit über die Grenzen Österreichs hinaus. 1839 reiste die „Rainer-
Family“ zu einer Konzertreise in die USA und so gelangte das Lied auch über den
Atlantik. Weitere Verbreitung in zahlreiche andere Länder fand es durch christliche
Missionare. Heute gibt es Übersetzungen in über 300 Sprachen und Dialekten.

Notenbuch der Rainer Family 1841 aus der Boston Public Libary

Stille um die Komponisten

Schon wenige Jahre nach der Erstaufführung hatten sich Text und Musik so schnell
und unbedarft verbreitet, dass die Namen seiner Schöpfer in Vergessenheit gerieten.
Zwischenzeitlich schrieb man das Werk sogar Joseph Haydn zu. Die Verwirrung um
die Urheberschaft hielt viele Jahre an. Nicht einmal in der Diözese Salzburg wusste
man 1854 auf Anfrage der Königlich-Preußischen Hofkapelle Berlin, wem man das
Weihnachtslied zuschreiben sollte. Das veranlasste Gruber zu einer offiziellen
Niederschrift der Entstehungsgeschichte, die aber viele Jahre unbeachtet blieb. In
den Vereinigten Staaten etwa hielt man „Silent Night“ noch bis 1943 für eine
amerikanische Schöpfung. Erst die jüdische Exilösterreicherin und in den USA
angesehene Jugendbuchautorin Hertha Pauli klärte dieses Missverständnis in ihrem
Buch „The Story of a Song“ auf. Gruber selbst bekam vom Hype um sein
weihnachtliches Vermächtnis aber nicht viel mit. Er wirkte bis zu seinem Tod als
Chorleiter und Organist in der Pfarrkirche Hallein und engagierte sich für die
musikalische Aus- und Weiterbildung. Auch Joseph Mohr, der geistige Vater des
Textes, fand zu Lebzeiten kaum Anerkennung. Er ging ganz im Dienst für die
Kirchengemeinde auf und initiierte an seiner letzten Wirkungsstätte Wagrain den Bau
einer Schule sowie einer Zuflucht für ausgediente Knechte. Es ist sogar belegt, dass
er seine Kuh verkaufte, um Schulbücher für die Kinder zu besorgen. Mohr starb 1848
im Alter von 56 Jahren und wurde in einem Armengrab beigesetzt.

Portrait der Schöpfer

Vom Ohrwurm zum Kulturgut

Von den sechs ursprünglich verfassten Strophen sind heute meist nur drei in
Gebrauch (1., 2. und 6.). Das musikalische Vermächtnis gehört mittlerweile nicht nur
zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe, sondern ist auch fester Bestandteil der
Popkultur. Zahlreiche Künstler – von den Wiener Sängerknaben und Udo Jürgens
über Bing Crosby bis Simon & Garfunkel oder Sinéad O’Connor – interpretierten das
Stück auf ihre Weise. Angesichts des zeitlichen Kontextes lässt sich der Text auch
als musikalisches Friedenssymbol verstehen: Zur Entstehungszeit des Textes waren

Napoleons fürchterliche Kriege gerade erst überstanden und ganz Salzburg hatte
schwer unter der bayerischen Besatzung gelitten. Später, während des Ersten
Weltkriegs, erklang die Melodie im sogenannten Weihnachtsfrieden sogar
gemeinsam an der Front – gesungen von deutschen und britischen Soldaten. Wer
sich intensiver mit der Geschichte und den Schöpfern dieses Evergreens
beschäftigen möchte, kann das in zahlreichen Museen tun: etwa in Oberndorf,
Hochburg-Ach, Lamprechtshausen, Hallein, Maria Pfarr oder Wagrain. Ein Besuch
lohnt sich!

Cover einer „Silent Night“ Schallplatte von Bing Crosby

Nachhaltigkeit mit den besten Noten

Auch „Der Weihnachtsbaum“ trägt ein Stück „Stille Nacht“ in sich. Die Holzäste
unserer Bäume werden direkt neben der Stille-Nacht-Kapelle von der Lebenshilfe
Oberndorf in liebevoller Handarbeit geschliffen. Dieser Bezug ist uns sehr wichtig:
Wir fördern dadurch nicht nur die regionale Wirtschaft und verkürzen im Sinne der
Nachhaltigkeit Transportwege, sondern würdigen auch die inklusive Arbeit – und das
alles direkt am Ursprungsort von „Stille Nacht“.

Text & Recherche: Christian Messmer / www.locomotiv.at

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